Qigong ab 55: Neue Energie beginnt manchmal zart und leise

Was die Forschung über Qigong verrät – und warum du zum Einstieg weder besonders beweglich sein noch alles richtig machen musst.

Vielleicht wünschst du dir manchmal eine Bewegung, bei der du durchatmen kannst. Bei der du deinen Körper spürst, ohne dich antreiben zu müssen. Und bei der du dir Zeit nehmen darfst.

Genau dazu möchte ich dich mit Qigong einladen.

Langsam die Arme heben, die Füße auf dem Boden wahrnehmen, eine Bewegung aufmerksam begleiten: Das sieht von außen schlicht aus. Doch es gibt dabei einiges zu entdecken. Wie viel Kraft brauche ich gerade wirklich? Kann ich die Schultern etwas lockerer lassen? Wie fühlt es sich an, für einen Moment ganz bei dieser einen Bewegung zu bleiben?

Auch die Forschung beschäftigt sich mit Qigong. Einige Untersuchungen liefern ermutigende Hinweise zu geistiger Leistungsfähigkeit, Erschöpfung und Wohlbefinden. Dabei lohnt es sich, genau hinzusehen: Was wurde untersucht – und was können wir daraus für unseren Alltag mitnehmen?

Bewegung, bei der auch der Kopf mitmacht

Bei Zhineng Qigong bewegen wir uns und lenken zugleich unsere Aufmerksamkeit auf die Bewegung. Wir folgen einer Abfolge, nehmen unseren Stand wahr und beobachten, wie sich eine Bewegung anfühlt.

Eine Meta-Analyse mit 21 klinischen Studien und insgesamt 1.429 Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung berichtet Verbesserungen der allgemeinen geistigen Leistungsfähigkeit, des Gedächtnisses und bestimmter Fähigkeiten wie Planen und geistiger Flexibilität. Ob die Wirkungen langfristig bestehen bleiben, muss weiter untersucht werden.

Ich finde daran besonders interessant, wie eng Bewegung und Aufmerksamkeit zusammenkommen. Schon eine einfache Übung bietet Gelegenheit, beides miteinander zu verbinden.

Du musst dir dafür nicht sofort eine lange Abfolge merken. Du darfst mit einer Bewegung beginnen und sie in Ruhe kennenlernen.

Wenn die Kraft im Alltag fehlt

Erschöpfung, schlechter Schlaf oder Schmerzen können vieles mühsam machen. Deshalb wird auch untersucht, ob Qigong und verwandte Bewegungsformen begleitend helfen können.

Eine Studie mit 587 Menschen nach einer Krebsbehandlung untersuchte ein kombiniertes Tai-Chi-/Qigong-Programm und ein achtsamkeitsbasiertes Programm. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt etwa 61 Jahre alt. Die Untersuchung berichtete Verbesserungen bei Schlaf, Erschöpfung und schmerzbedingten Beeinträchtigungen.

Eine weitere Studie mit 72 Menschen mit Herzinsuffizienz untersuchte zwölf Wochen Chan-Chuang-Qigong zusätzlich zur üblichen Versorgung. Belastbarkeit, Lebensqualität und Erschöpfung verbesserten sich. Bei den untersuchten Herzfunktionswerten zeigte sich dagegen keine entsprechende Verbesserung.

Qigong ersetzt keine medizinische Behandlung. Es kann als begleitende Praxis infrage kommen.

Lieber vertraut werden als immer mehr lernen

Vielleicht fragst du dich: „Kann ich mir die Bewegungen überhaupt merken?“ Oder: „Bin ich dafür beweglich genug?“

Zum Kennenlernen musst du noch nichts beherrschen.

Eine Befragung von 1.173 älteren Health-Qigong-Praktizierenden betrachtete unter anderem, wie regelmäßig, aufmerksam und selbstständig sie übten. Stärkeres Engagement war mit höherer Resilienz, mehr wahrgenommener sozialer Unterstützung und größerem psychischem Wohlbefinden verbunden.

Für mich passt dazu ein Gedanke, der mir beim Qigong wichtig ist: Lieber wenige Übungen regelmäßig und bewusst praktizieren, als ständig neue kennenzulernen.

Eine vertraute Bewegung muss nicht langweilig werden. Vielleicht bemerkst du heute etwas, das dir gestern entgangen ist: Spannung in den Händen, einen festgehaltenen Atem oder einen Moment, in dem die Bewegung leichter wird.

Wie genau muss eine Bewegung sein?

Natürlich möchten wir beim Lernen verstehen, wie eine Übung ausgeführt wird. Anleitung kann dabei Orientierung geben und ist wie ein Geländer, an dem ich mich festhalte.

Gerade beim Zhineng Qigong ist mir wichtig, eine Bewegung zu verstehen, sie möglichst entspannt auszuführen und die Aufmerksamkeit anschließend wieder nach innen zu lenken.

Die äußere Form gibt Orientierung. Gleichzeitig möchte ich Raum für Fragen lassen wie: Wie fühlt sich das an? Wo halte ich unnötig fest? Was geschieht, wenn ich etwas weniger erzwinge und leichter zulasse?

Diese Gewichtung beschreibt meine Haltung zur Praxis.

Magst du es einmal ausprobieren?

Vielleicht brauchst du zunächst gar keine lange Erklärung mehr, sondern einen kleinen Moment zum Kennenlernen.

Nimm dir dafür etwa zwei Minuten.

Komm. Setze dich auf einen stabilen Stuhl ohne Rollen. Stelle beide Füße bequem auf den Boden. Deine Hände ruhen auf den Oberschenkeln. Spüre einen Moment den Kontakt deiner Füße zum Boden.

Lass die Hände leicht werden. Hebe beide Hände langsam ein kleines Stück an, vor deinen Bauchnabel, die Handflächen zeigen zueinander, als ob du einen Qi-Ball zwischen deinen Händen halten würdest. Lass die Schultern locker und spüre deine Hände und den Raum zwischen deinen Händen, den Qi-Ball zwischen deinen Händen.

Spüre nach. Halten und spüren. Atme ganz natürlich weiter.

Lege jetzt die Hände wieder auf die Oberschenkel. Was bemerkst du? Vielleicht Wärme, etwas Ruhe oder einfach deinen Sitz auf dem Stuhl. Vielleicht spürst du auch keinen Unterschied. Du brauchst kein bestimmtes Ergebnis.

Diese kleine Wahrnehmungsübung ist eine Einladung zum Ausprobieren. Sie ist keine festgelegte Zhineng-Qigong-Abfolge und kein spezielles Übungsprogramm.

Vielleicht hat sie dich neugierig gemacht. Dann freue ich mich, wenn du Qigong näher kennenlernen möchtest – mit Zeit für deine Fragen und für das, was du selbst dabei entdeckst.

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